Rezension | Terror - Ferdinand von Schirach

by - 4/24/2016


Terror | von Ferdinand von Schirach | Verlag: Piper | erschienen am 07.12.2015 | Übersetzer: - | Hardcover | 176 Seiten | 16.00€ (D) Kaufen?





Ein Terrorist kapert eine Passagiermaschine und zwingt die Piloten, Kurs auf ein voll besetztes Fußballstadion zu nehmen. Gegen den Befehl seiner Vorgesetzten schießt ein Kampfpilot der Luftwaffe das Flugzeug in letzter Minute ab, alle Passagiere sterben. Der Pilot muss sich vor Gericht für sein Handeln verantworten. Seine Richter sind die Theaterbesucher, sie müssen über Schuld oder Unschuld urteilen.

Ferdinand von Schirachs 'Terror' ist ein Theaterstück von bedrückender Aktualität. Es stellt die Frage, wie wir in Zukunft leben wollen. Werden wir uns für die Freiheit oder für die Sicherheit entscheiden? Wollen wir, dass die Würde des Menschen trotz der Terroranschläge noch gilt?


Der Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo im Januar 2015 hat auf schrecklichste Weise gezeigt, wie hoch der Preis sein kann, den wir für unsere Freiheit zahlen müssen. Schirachs Rede auf Charlie Hebdo, die ebenfalls in diesem Band enthalten ist, ist ein Plädoyer für die Freiheit des Wortes, für unsere Zivilisation im Angesicht ihrer Feinde. (Quelle: Klappentext)
Von vielen Seiten habe ich das neuste Werk des Strafverteidigers Ferdinand von Schirach empfohlen bekommen und doch habe ich lange gebraucht, bis ich überzeugt genug davon war, das Buch in meine Buchsammlung aufzunehmen. Ich bin ein sehr großer Fan von Dramen aber besonders haben es mir die antiken und klassischen Dramen angetan, während ich mich mit neueren nicht so gerne auseinandersetzen wollte. Und doch: Das Thema von Terror sprach mich an und so fand das Buch doch einen Weg in meinen Besitz und an einem Abend habe ich es mit der lieben Sandra gemeinsam ausgelesen.

Oft mussten wir unseren Lesefluss unterbrechen, haben uns ausgetauscht, waren erschrocken, wütend, fassungslos. Selten hat es so viel Spaß gemacht über ein Buch zu reden und es gemeinsam zu lesen, denn selten ist ein Buch tatsächlich so anstößig, wie Terror es ist. Das Werk umfasst nur 176 Seiten Text, während das Drama an sich nur 145 Seiten umfasst. Auf diesen relativ wenigen Seiten nimmt uns von Schirach mit in eine Gerichtsverhandlung, in der ein Mann angeklagt wird, ohne Befehl eine Passagiermaschine abgeschossen zu haben, die von einem Terroristen übernommen wurde, der Kurs auf ein Stadion mit 70.000 Menschen genommen hat. Schuldig oder nicht, das spielt hier keine Rolle. Denn schuldig ist der Kampfpilot, da er ohne Befehl seines Vorgesetzten über 160 Menschen ermordet hat. Vielmehr geht es um das Menschliche, um Moral, Gefühl, Mut und darum, was das Richtige ist.

Das Drama ist nicht einfach nur ein Drama denn die Leser oder auch in der Aufführung letztendlich die Zuschauer sind aktiv an der Verhandlung beteiligt. Wird der Angeklagte nun freigesprochen oder für schuldig befunden? Das entscheidet in dem Fall das Publikum und so bekommt man in der Aufführung auch nur eines der beiden möglichen Enden gezeigt. Im Buch können wir zwar beides nachlesen, dennoch hindert das nicht daran, selbst nachzudenken. Man wird dazu gezwungen sich mit dieser schweren Thematik auseinanderzusetzen und tut dies auch ganz ungewollt denn genau so ist das Drama konzipiert.


Diese Entscheidung, der das Publikum sich am Ende stellen muss, ist alles andere als einfach. Ich bin mir sicher, jeder Leser hat zu Beginn, vielleicht sogar schon direkt nach dem Lesen des Klappentextes eine Tendenz. Auch ich hatte sie aber im Verlaufe des Buches wird diese Tendenz immer wieder umgekehrt oder bestärkt und das erschwert das finden der „richtigen Lösung“ enorm. Die Handlung spitzt sich immer weiter zu und schon bald geht es nicht mehr nur darum, ob der Angeklagte freigesprochen wird oder nicht sondern tausend andere Fragen formen sich im Kopf des Lesers. Zuviel möchte ich an dieser Stelle nicht vorwegnehmen aber dennoch fragt man sich mehr als einmal, ob nicht nur der Angeklagte in einer Art und Weise falsch gehandelt hat sondern auch viele andere Menschen die an der Sache nicht unbeteiligt waren. Sollte man Menschenleben gegen Menschenleben abwägen? Was zählt die Zahl der Opfer? Hätte der Angeklagte das Flugzeug auch abgeschossen, wenn seine Familie an Bord gewesen wäre? Wieso gab es keinen Befehl dazu, das Flugzeug abzuschießen? Genau das ist eine Auswahl der vielen Fragen, die dem Leser beim Lesen durch den Kopf schießen und genau dieses ganze widersprüchliche Handeln, das ständige Hinterfragen und die aktive Teilnahme des Lesers am Geschehen machen Terror für mich einzigartig und besonders gut gelungen. 
Terror hat mich komplett in seinen Bann gezogen und begeistert. In diesem als Drama inszenierten Stück nimmt Ferdinand von Schirach ein derzeit hochaktuelles Thema genau unter die Lupe und schafft so nicht nur ein exzellentes Theaterstück, sondern bezieht die Leser/Zuschauer auch noch aktiv mit ein, sodass jeder zum Nachdenken und Entscheidung treffen angehalten ist. Besser kann man den aktuellen Zeitgeist wohl nicht treffen und ich bin froh, dieses Werk zu meinen Highlights zählen zu können.




Vielen herzlichen Dank an Piper für das *Rezensionsexemplar.


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